Bunkermuseum Oberhausen: Rudolf Holtappel: Als die Mitte noch nicht neu war...

 

Oberhausen in den 60ern

Oberhausen, die „Wiege der Ruhrindustrie“. Die Stadt, die 1929 als sie aus Alt-Oberhausen, Osterfeld und Sterkrade zusammengesetzt wurde fast den Namen GHH-Stadt getragen hätte, ist in den 60er Jahren des 20.Jahrhunderts immer noch und vor allem Industriestadt.

Das merkt man vor allem an ihrer räumlichen Struktur: Dort wo sich in der traditionellen, historisch gewachsenen, europäischen Stadt das Zentrum befindet, die Stadtverwaltung, die Flaniermeile, nämlich in der geographischen Mitte, liegt das Hüttenwerk, die HOAG, mit 1964 noch 13.660 Beschäftigten. Die gesamte Stadt ist durchzogen von einem Geflecht von Zechen und Großbetrieben der Schwerindustrie, des Maschinenbaus und der Chemie, verbunden durch Rohrleitungen und Werkseisenbahnen. So bildet sich auch räumlich die Verflechtung von Kohle, Chemie, Stahl und dessen Weiterverarbeitung ab. Die Schlote rauchen (noch) und bieten ein nahezu klischeehaftes Bild des Ruhrgebietes.

Bunkermuseum Oberhausen: Rudolf Holtappel: Als die Mitte noch nicht neu war..."Eigentlich müßte man auch mal Frauen fragen, wie das damals war.
Ja vor allem die, die ihre Männer am Werkstor abgeholt haben, damit sie nicht den ganzen Lohn in die Kneipe tragen."

 

Insgesamt sind 40.000 Menschen in der Montanindustrie beschäftigt und voller Stolz auf ihre schwere und wichtige Arbeit. Daß größtenteils in drei Schichten gearbeitet wird prägt den Rhythmus und das Bild der Stadt. Wo sonst sieht man vormittags so viele Männer auf den Straßen, so daß  für Außenstehende der Eindruck einer hohen Arbeitslosigkeit entsteht?

Doch die Rahmenbedingungen wandeln sich: Kohle kann durch Erdöl, oder wesentlich billigere Importkohle ersetzt werden, die Stahlindustrie wird mit staatlich subventionierten Billiganbietern aus aller Welt konfrontiert. Ende der 60er setzt mit der Schließung der Zeche Concordia auch in Oberhausen das Zechensterben und die Zeit der schwarzen Fahnen auf den stillgelegten Hochöfen ein. Und langsam, bis zum endgültigen Aus der Stahlindustrie in Oberhausen 1998 verödet die alte Mitte und macht Platz für Neues.

Doch nicht nur die Industrie prägt Oberhausen; seit Mitte der 50er wird vermehrt Geld in die Kultur und den Auf- und Ausbau von Schulen, der Volkshochschule und der sozialer Infrastruktur gesteckt. Doch letztlich wird das Leben der Stadt von den Menschen geprägt, die in ihr wohnen, von ihrer Alltagskultur, von Nachbarschaftshilfe, von Gesangsvereinen, von Taubenzüchtern und von Eckkneipen.

Bunkermuseum Oberhausen: Rudolf Holtappel: Als die Mitte noch nicht neu war..."Das mit dem deutschen Essen, das war eine Katastrophe.
Unsere Nudeln zu kriegen war schwer,
die haben wir dann immer aus Italien mitgebracht."

 

Die Fotografien von Rudolf Holtappel aus den 60ern zeigen eindrucksvoll, wie eng Arbeit und Leben in Oberhausen miteinander verbunden sind, und zwar sowohl in ihrer räumlichen Nähe, als auch in der Prägung des alltäglichen Lebens.

Sie zeigen scharfe Kontraste, harte Arbeit und Luftverschmutzung; Kinderspiele unter Kühltürmen, Kleingärten neben rauchenden Schloten, aber auch Arbeitskampf, (Arbeiter-) Kultur und den Alltag zwischen Schichtarbeit, Einkauf und Freizeit.

Die Negative der ausgestellten Arbeiten befinden sich größtenteils im Besitz des Ruhrlandmuseums in Essen, das sie freundlicherweise zur Verfügung gestellt hat.

Dank gebührt allerdings auch den ehemaligen HOAG-Betriebsratsmitgliedern Werner Aßmann, Reinhold Bluhmki, Werner Büttner, Günter Jungblut, Heinz Krabbe und Theo Rettweiler, dem Architekten Klaus Knichel und Guiseppe Camporato, Luigi Deiana und Maria-Elisa Manai, die in den 60ern aus Sardinien als Gastarbeiter/innen nach Oberhausen gekommenen sind. Sie haben in mehreren Gesprächsrunden ihre Erinnerungen an die damalige Zeit mitgeteilt, aus denen die ergänzenden Texte zu den Bildern entstanden.Bunkermuseum Oberhausen: Rudolf Holtappel: Als die Mitte noch nicht neu war...

Die meisten dieser Texte sind wörtliche Zitate aus diesen Gesprächen. Einige Zitate sind allerdings gekürzt oder aber auch aus mehreren Aussagen zusammenmontiert.

Da es sich um persönliche Erinnerungen handelt, bilden die Texte nicht unbedingt die historische Wahrheit in all ihren Facetten ab, sie sind aber geeignet, neben den Bildern einen Eindruck von einem Oberhausen zu geben, das heute im Stadtbild, bis auf einige ungesprengte „Leuchttürme“, kaum noch zu erkennen ist. Damit entsteht zumindest ein Einblick in die Zeit, als die Mitte noch nicht neu war.

 

Der 2014 leider verstorbene Fotograf Rudolf Holtappel lebte und arbeitete in Oberhausen.

Presseartikel zur Ausstellung

Flyer- und Tafel-Layout: Jürgen Schnug